St. Galler Tagblatt 
Melissa Müller 22.11.2018

Dieser junge Künstler malt im Swimmingpool und wohnt in einer Villa

Der 27-jährige Maler Aramis Navarro lebt wie im Film: In einer Künstler-WG in Rapperswil-Jona mit Blick auf den ­Zürichsee. Das alte Schwimmbad hat er zum Atelier umfunktioniert. Hier malt er seine luftig-zarten Gemälde. 

Seine Künstlerkarriere beginnt mit einer Straftat: Aramis Navarro wird mit 14 Jahren beim Sprayen erwischt und bekommt es mit der Polizei zu tun. Der Teenager fürchtet sich vor der Reaktion seiner spanischen Eltern – eines Gourmetkochs und einer Dichterin. Doch statt ihn zu bestrafen, schenkt ihm die Mutter Farben und Pinsel. So fängt er an zu malen. Mit dem ersten Lehrlingslohn mietet sich der Polymechaniker ein Atelier; mit 18 stellt er erstmals seine Bilder aus. Später schafft er, wovon viele Künstler nur träumen: Seit einigen Jahren lebt er von seiner Kunst – kein einfaches Unterfangen.

Kürzlich wurde seine erste Einzelausstellung in der Galerie Paul Hafner im St. Galler Lagerhaus eröffnet. «Aramis kann aus allem Kunst machen, auch aus Spaghetti», sagt sein bester Freund an der Vernissage.

«Er macht aus einfachen Situationen etwas fürs Herz.»

Aramis habe sich «vom Strassenrowdy mit Skateboard, Kebab und Spraydose zum philosophierenden Gourmet-Künstler» gewandelt. Er wohne mit seiner Freundin und zwei Katzen in einer Villa und male in einem Swimmingpool. Das klingt unglaublich – ist aber wirklich wahr.


Als wir ihn besuchen, führt das Navi tatsächlich ins Villenviertel von Rapperswil-Jona. Ein weisses Tor öffnet sich automatisch, und wir rollen auf den grosszügigen Vorplatz eines noblen 50er-Jahre-Baus. Wohnt hier wirklich ein armer Künstler? Aramis Navarro, violette Wollmütze, sanfte braune Augen, Birkenstock-Sandalen, lächelt freundlich und führt uns in sein Atelier: Ein ehemaliges Schwimmbecken, von Kakteen und Chilipflanzen umsäumt. Da ist eine kleine Bibliothek, eine Sitzecke mit Retro-Designer-Stühlen, eine Töpferecke, in der seine Freundin hauchdünne Porzellantassen anfertigt. Daraus serviert er einen Espresso. «Ich habe extra aufgeräumt», sagt er und grinst. «So kann ich das Chaos auf die Leinwand verbannen.»

Eine kleine Holztreppe führt in den leeren Pool. Hier drin malt Navarro seine zarten Gemälde. Er spielt mit Leerraum, setzt Farben sparsam ein und schreibt einzelne Worte auf die Leinwand, wie «Mutige Feige», «Knobligatorisch» oder «herrlich dämlich». Das gibt dem ganzen einen intellektuellen Anstrich, wirkt aber skizzenhaft. Als sei einer noch auf der Suche nach seinem Stil. Weil er diverse Techniken ausprobiert, erinnern seine Bilder mal an Graffitikünstler Basquiat, mal an Miró.

Vom Atelier geht es in den Garten mit Blick auf den Zürichsee und Schloss Rapperswil. Eine Katze klettert auf den Kiwibaum, ein Rebstock biegt sich unter der Last der Trauben. Daneben ein lustiges Männchen, gezimmert aus einem alten Waschbrett, Teilen eines Holzfasses und einer Fischerrute. «Jim Nasty (gymnastic) fischt nach Frauen» hat Navarro seine Skulptur getauft.

«Ich dachte an Machos, die im Fitnesscenter ihre Muskeln pumpen.»

Das Atelier führt direkt hinaus in den Garten, wo Kiwis, Trauben und Gemüse wachsen.

Der Rapperswiler stöbert in Brockis und Abbruchhäusern Kuriositäten auf. Daraus baut er Skulpturen, mit denen er auch die WG einrichtet, die er mit seiner Freundin, einem Musiker, einem Schriftsteller und einem Stromer teilt. Geschmackvoll kombiniert er Möbel mit eigenen Bildern. Ein massiver Eichenholzstamm dient als Esstisch, darüber ein Globus, der auch eine Lampe ist. In der Stube hängt ein Bild aus Brettern aus einem Schafstall. Navarro hat das abgenutzte Holz versiegelt und gerahmt wie ein Gemälde. «Es riecht immer noch nach Schafmist», sagt er begeistert. Es ist ein Geruch der Geborgenheit, der Stallwärme.

Geborgenheit und Urvertrauen, das hat Aramis Navarro auch von seinen Eltern mitbekommen, wie er immer wieder sagt. Das trage ihn durch Zeiten der Unsicherheit, wenn er nicht weiss, wie er die Rechnungen bezahlen soll.

Aramis Navarro: «Das Buch der Unruhe» von Fernando Pessoa gehört zu seinen Lieblingsbüchern. 
Fragmente einer ­menschlichen Figur?

Der St. Galler Galerist Paul Hafner fühlt sich angesprochen von den Objekten und Bildern des Jungtalents. Er mag die Poesie und Leichtigkeit in dessen Werk. «Aramis Navarro ist ein kleiner Philosoph, der mit den Worten spielt», sagt Paul Hafner. «Speziell für einen 27-Jährigen ist auch, dass er sich an solch grosse Leinwände wagt.»

Gerade arbeitet Navarro an einem zweieinhalb Meter hohen Ölbild. Ein paar schwungvolle Pinselstriche hat er bereits auf die dunkelbraun grundierte Leinwand gesetzt, sie erinnern an die Form eines Fusses und eines Oberschenkels. Ein rosa Dreieck ist ebenfalls da, die Farbe glänzt noch frisch. Fragmente einer menschlichen Figur? «Sag ich nicht. Sonst ist die Magie des Bildes weg», sagt der Künstler. Er habe auch Bilder, die zeige er niemandem. Er lächelt scheu, aber bestimmt. Wie einer, der weiss, was er will.



https://www.tagblatt.ch/kultur/der-kunstler-im-swimmingpool-ld.1071976